Praxis der Zukunft in der Gegenwart

Digitale Praxis 4.0 auf dem Weg

Die Patienten reagieren laut Helinski ganz unterschiedlich auf die zunehmende Digitalisierung in der Praxis, doch meistens fiele die Reaktion sehr positiv aus.

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Der digitale Weg ist im Alltag angekommen – egal ob Online-Shopping, Smartphone oder Homeoffice. Doch wie steht es um die Digitalisierung in der Praxis? Wie lang ist der Weg noch bis zur digitalen Praxis 4.0? Wir sprachen darüber mit DH Sophia Helinski.

Digitalisierung wird in der Zahnarztpraxis „Die Praxis Mitte“, in der Helinski arbeitet, sehr groß geschrieben. „Bei uns kann man Termine online vereinbaren, bekommt nach der Terminabsprache eine E-Mail statt eines Zettels und das Erstellen digitaler Abdrücke gehört bei uns zum Standard.“ Dabei scannen sie und ihre Kollegen nach der Präparation die Stümpfe und der Techniker kann dann über ein digitales Programm darauf zugreifen und die Kronen oder Brücken herstellen.

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Digitaler Parodontalstatus statt Stift und Zettel

Die Dentalhygienikerin ist auch froh, in der Prophylaxe einen Parodontalstatus oder verschiedene Indizes nicht mit Zettel und Stift aufnehmen zu müssen. Nicht nur, dass die Hygiene dabei fragwürdig sei. Es sei auch eine große Erleichterung direkt während der Behandlung alle relevanten Befunde, die zu einer Risikobestimmung notwendig sind, sofort und sorgfältig einpflegen zu können. Das ginge beispielsweise mit der ParoStatus-Software. „Dort nutze ich für die Eingabe ein Fußschaltersystem oder mein iPad, welches wie eine Fernbedienung agiert“, erklärt Helinski. Zum Abschluss der Prophylaxesitzung könne sie ihren Patienten dank der digitalen Unterstützung direkt sagen, wann der nächste Termin sei. Zudem kann sie ein auf den Patienten individuell zugeschnittenes Formular mitgeben bzw. ihn mit Hilfe einer App über die Risiko- und Pflegeprofile für die häuslichen Mundhygienemaßnahmen informieren.

Die Expertin sieht auch im Röntgenbereich durch die Digitalisierung viele Vorteile: „Am tollsten ist der Fakt, dass die digitale Röntgenbilderstellung die Strahlenbelastung für die Patienten auf ein Minimum reduziert.“ Auch die Verwendung von Chemikalien fällt hierdurch weg, wodurch sie in der Praxis zudem den Umwetschutz vorantrieben. Zusätzlich spart digitales Röntgen auch sehr viel Zeit, weil etwa das Ansetzen von Lösungen obsolet sei. „Es muss keine Temperatur gemessen werden, um ein gutes Bild zu bekommen und die Zeit, bis das Bild durch Entwickler, Fixierer und Wasser gefahren ist, kann in der digitalen Variante dem Patienten gewidmet werden“, erzählt Helinski.

Arbeits- und Zeitersparnis in der Hygiene

Weitere Vorteile sieht die Expertin durch die Digitalisierung auch in der Hygiene. Der größte Vorteil sei dabei vor allem die große Arbeits- und Zeitersparnis. „Hygieneketten können auch einfacher nachvollzogen werden als früher.“ So werde in Helinskis Praxis zum Beispiel jede Sterilisations-Charge den Instrumenten digital zugeordnet. Das funktioniere direkt über den Computer. Dadurch müssen sie oder ihre Kolleginnen das nicht mehr zeitaufwendig per Hand auf die Verpackung des sterilisierten Instruments schreiben und anschließend in der Patientenakte vermerken.

Papierlose Praxis als nicht ganz einfaches Ziel

Auf Karteikarten in Papierform verzichten die meisten Praxen sowieso schon. In Helinskis Praxis versuche man zusätzlich, auch auf Terminzettel zu verzichten. Die Patienten können sich eine E-Mail schicken lassen und erhalten einen Tag vor dem Termin per SMS eine Erinnerung. Auch Materialbestellungen wickeln sie längst online mit den Dental Depots ab. „Es gibt keine schweren Kataloge und langes Suchen nach den Bestellnummern mehr“, freut sich die DH. Ein Klick auf den Suchbegriff und man hat alles im Warenkorb. Häufig georderte Materialien werden vermerkt, sodass diese gar nicht mehr gesucht werden müssen.

Insgesamt sei trotz des digitalen Fortschritts die Idee einer papierlosen Praxis nicht ganz einfach, betont Helinski. Heil- und Kostenpläne und die PA-Pläne zum Beispiel müssten bei der Krankenkasse immer im Original eingereicht werden. Somit komme man hier nicht um einen Ausdruck herum.

Ebenfalls digitalisert sei in vielen Praxen das Terminmanagement. Helinski: „Früher hatte man ein einziges Buch zur Terminvergabe vorne an der Rezeption. Heute steht in jedem Zimmer ein Computer, auf dem ein digitales Terminbuch mit jedem Behandler und mit jeder hinterlegten Behandlungszeit liegt.“ Im digitalen Terminbuch kann sie Termine aus dem Zimmer vereinbaren, Rezepte oder andere Patienteninformationen vorbereiten. Das erspare viel Rennerei und Missverständnisse zwischen Behandlungszimmer und Rezeption.

Chatfunktion erleichtert die Kommunikation in der Praxis

Für die bessere Kommunikation innerhalb der Praxis gibt es noch eine weitere innovative Lösung: Viele Abrechnungsprogramme haben Chatfunktionen, mit denen etwa aus dem Prophylaxezimmer in das Zahnarztzimmer „gefunkt“ werden könne. „So teile ich dem Zahnarzt mit, dass meine Behandlung in fünf Minuten beendet sein wird und der Arzt mit der Kontrolluntersuchung starten kann.“

digitale Praxis

DH Sophia Helinski

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Die Patienten reagieren laut Helinski ganz unterschiedlich auf die zunehmende Digitalisierung in der Praxis. Doch meistens fiele die Reaktion sehr positiv aus. „Wenn eine Krone digital in wenigen Tagen generiert werden kann, ist das für manche Patienten ein Segen.“ Gleiches gelte, wenn nach einer langen Präparationssitzung nicht noch zusätzlich ein Abdruck anfällt, sondern ein Intraoralscanner die Zähne scannt. „Eine weitere Leistung, die immer wieder auf große Freude stößt, ist eine von mir zur Nachsorge verwendete App“, sagt die Dentalhygienikerin. Über diese hätten die Patienten die Möglichkeit, noch einmal alle von ihr gegebenen Informationen nachzulesen. Das sei besonders dann gut, wenn man sich als Patient nicht alles von dem merken könne, was in der Prophylaxesitzung erzählt würde.

Bei der ganzen Digitalisierung in der Praxis hat sich aber auch ein sensibles Thema herauskristallisiert: der Datenschutz. Immer dann, wenn es personenbezogene Daten der Patienten betrifft, muss man akribisch auf die Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) achten. Jeder Patient müsse auch in der Praxis, in der Helinski arbeitet, seine Zustimmung für die digitale Verwendung seiner Daten geben. „Ohne diese Zustimmung würde ja schon das reine Behandeln und Abrechnen der Leistungen schwierig werden“, weiß die Dentalhygienikerin.

Digitalisierung nicht für alle Prozesse der Praxis

Generell ist die Expertin davon überzeugt, dass sich die Praxen der Digitalisierung nicht mehr entziehen könnten. Insbesondere wenn sie modern und fortschrittlich sein und den Patienten die bestmögliche Behandlung bieten wollen sei die Digitalisierung notwendig. „Wichtig ist es, dem Wandel positiv gegenüber zu stehen, aber auch Kritik zu äußern, denn nicht jeder Prozess bedarf einer Digitalisierung.“



Volontariat bis 2006 bei der Magdeburger Volksstimme, seit 12/2006 im Deutschen Ärzteverlag als Fachredakteur. "Gründungsredakteur" und verantwortlicher Redakteur von DENTAL team.

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