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Wie notwendig sind Zahnspangen wirklich?

Diskussion um KFO-Behandlungen

Wie notwendig sind Zahnspangen wirklich?

Das Gutachten des IGES kann den Nutzen von Zahnspangen gegen Karies oder Parodontitis weder widerlegen noch bestätigen.

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“Zahnspangen sind zu teuer und nicht sinnvoll!” Nach einem Artikel der BILD-Zeitung brach eine heiße Diskussion um die Notwendigkeit kieferorthopädischer Behandlungen los. Wir haben für euch zusammengefasst, worum es bei der Diskussion geht.

Vorwurf: Zahnspangen sind Abzocke!

Der Bundesrechnungshof zweifelte in 2018 die Erfolge von KFO-Leistungen an und forderte vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) eine Überprüfung der hohen Kosten. Unter anderem die BILD-Zeitung griff diese Forderung in einem Artikel auf und titelte zugespitzt: “Rechnungshof prangert an: Böse Abzocke mit unnützen Zahnspangen”.

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Das Gesundheitsministerium ließ nun vom Berliner Forschungsinstitut IGES ein Gutachten erstellen. In einem Schreiben an den Bundestag urteilte das Ministerium: „Derzeit gebe es keine ausreichende Evidenz für den patientenrelevanten Nutzen kieferorthopädischer Leistungen.“ Die BILD interpretierte diese Aussage in einer erneuten Berichterstattung vom 2. Januar 2019 dahingehend, dass kieferorthopädische Behandlungen in der Regel dem Geldbeutel der Kieferorthopäden dienten, jedoch nicht der Mundgesundheit der Patienten. Der Artikel führte zu einem regelrechten Shitstorm für die Kieferorthopädie. Behandlungen besäßen keine wissenschaftliche Grundlage und in vielen Fällen müssten Patienten hohe und unnütze Selbstzahlerleistungen auf sich nehmen.

Unzulängliche Datengrundlage

Das Bundesgesundheitsministerium stellte diese Aussage jedoch richtig: das Ministerium zweifle nicht an der Notwendigkeit kieferorthopädischer Leistungen. In der beauftragten Studie kämen die Autoren jedoch zu dem Ergebnis, „dass die Datengrundlage derzeit nicht ausreicht, um diese Frage abschließend zu bewerten.“ Somit sei weder bewiesen noch ausgeschlossen, dass Zahnspangen Karies, Parodontitis oder auch Zahnverlust verringern können. Zudem sei das Gutachten mit dem Titel „Kieferorthopädische Behandlungsmaßnahmen“ nicht erstellt worden, um den Nutzen der Kieferorthopädie an sich zu bewerten. Doch es fehlten sowohl seitens des BMG als auch der Krankenkassen vertiefte Kenntnisse über die derzeitige kieferorthopädische Versorgungslage und dessen Notwendigkeit.

KFO verbessert die Lebensqualität

Bestätigt sei jedoch, dass die Kieferorthopädie Zahnfehlstellungen behebt und dadurch auch die Lebensqualität verbessert. So können Fehlstellungen zu erschwerten Bedingungen für eine gute Prophylaxe führen. Zudem kann die Nichtanlage bleibender Zähne dazu führen, dass aufgrund der Lücke die Nachbarzähne kippen.

Notwendig seien nun neue Studien, die sich mit dieser Aufgabe befassen. Hieraus ließen sich dann neue Schlüsse für die Richtlinien kieferorthopädischer Behandlungen ziehen. So überprüfen die Kassen, ob sie im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) „einen Antrag zur Nutzenbewertung kieferorthopädischer Leistungen stellen“, erläuterte die stellvertretende Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes, Ann Marini, im Gespräch mit der Welt am Sonntag. Dies könne zu einer Anpassung der Leistungspositionen im BEMA führen.

Stellungnahme der DGKFO

Nun hat sich auch die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie e. V. (DGKFO) zu der Diskussion geäußert. In einer Pressemitteilung schreibt die Fachgesellschaft: “Dass die langfristigen Auswirkungen der Behandlung auf die Mundgesundheit durch die Studien nicht belegt werden kann, liegt nicht an einer schlechten Studienlage im Fach Kieferorthopädie, sondern an der generellen Problematik bestimmter klinischer Studien, bei denen wünschenswerte Endpunkte, die erst nach sehr vielen Jahren erfassbar wären, realistischerweise nicht erreicht werden können und daher Ersatzparameter ausgewertet werden müssen. Darum können solche Untersuchungen kein maximales Evidenzniveau erreichen. Dies ist keine Besonderheit der Kieferorthopädie, sondern kommt in allen medizinischen und zahnmedizinischen Disziplinen vor.” Des Weiteren weist die DGKFO auf ihr Positionspapier von Mai 2018 hin, das auf Basis der aktuellen, relevanten Fachliteratur entstanden ist und noch immer Gültigkeit besitze.



Marina Görtz ist Volontärin in der Redaktion Medizin und Zahnmedizin des Deutschen Ärzteverlags.

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